Bernardo Bertolucci über ICH UND DU

 

Für mich ist dieser Film eine Rückkehr ins Leben. Ich habe die letzten zehn Jahre in einer Art Erstarrung gelebt. Die erzwungene Unbeweglichkeit ließ mich glauben, meine Zeit als Filmemacher sei vorüber. Ich wachte erst auf, als ich meine Lage akzeptierte und nicht mehr dagegen ankämpfte. Da wusste ich, dass es möglich sein würde, Filme aus einer anderen Position heraus zu machen. Sitzend statt stehend. Nach ICH UND DU bin ich wieder im Rennen und bereit, so bald wie möglich den nächsten Film zu drehen.

 

Vor zwei Jahren überreichte mir Niccolo Ammaniti seine Erzählung IO E TE frisch aus der Druckerei. Es ist 30 Jahre her, dass ich auf Italienisch gedreht habe.Ich sehnte mich danach, in einem meiner Filme Italienisch zu hören, von italienischen Schauspielern gesprochen, in Italien gedreht. Als ich die ersten Seiten las, sprang ein Funke über. Natürlich musste die Erzählung in einigen Punkten abgeändert werden, daher wollte ich, dass Ammaniti zusammen mit Umberto Contarello und Francesca Marciano an dem Drehbuch mitschrieb. Aber die größten Unterschiede zum Roman ergaben sich erst beim Dreh. Das ist die Magie des Kinos!

 

Ich war fasziniert von dem Gedanken, die offensichtliche „Klaustrophobie” eines kleinen, vollgestopften Kellerraums in eine Art „Klaustrophilie” zu verwandeln: die Liebe zur Beschränkung auf einen geschlossenen Raum. Bei den Dreharbeiten trug ich dafür Sorge, dass dieser eine Keller in jeder Szene anders aussehen würde, verwandelt durch den Jungen, Lorenzo, und das Licht, seine Magie. Der Raum sollte sich immer wieder anders anfühlen, so dass man im Verlauf der Geschichte immer neues darin sieht. In diesem Keller haben die beiden Figuren ihr Unbewusstes betreten, unser Unbewusstes, das Unbewusste aller, die an dem Film mitgewirkt haben.

 

Das Casting für Lorenzo und Olivia hat zwei Monate gedauert. Ich habe so gut wie jede italienische Schauspielerin im Alter der Figur getroffen, sehr berühmte und völlig unbekannte. Die Wahrheit ist, dass ich den Gedanken gut fand, zwei neue Gesichter zu finden, die man nie zuvor im Kino gesehen hatte ... Ich kann gar nicht mehr sagen, wie viele Jungen ich für Lorenzo getroffen habe. Es war lange her, dass ich Heranwachsende so nah kennengelernt habe. Ich konnte mir das Gesicht von Lorenzo nicht vorstellen. Aber es gab keine Zweifel mehr, als ich die großen Augen von Jacopo Olmo sah, seine Haare wie Robert Smith in THE CURE, das kleine Gesicht das mich etwas an den jungen Malcolm McDowell erinnerte, aber seltsamerweise auch an eine Pasolini-Figur.

 

ICH UND DU handelt von den Sehnsüchten, Enttäuschungen, Kämpfen und Träumen zweier junger Menschen. Ich glaube, viele meiner Filme haben sich mit der Jugend und ihren ganz eigenen emotionalen Zuständen beschäftigt, von DIE TRÄUMER und GEFÜHL UND VERFÜHRUNG bis sogar 1900, DER LETZTE KAISER und LITTLE BUDDHA. Ich bin nun über 70 Jahre alt und bin immer noch fasziniert von jungen Charakteren und der Herausforderung, ihre Vitalität und Neugier einzufangen. Ich habe Jacopo Olmo dabei zugesehen, wie er in den zehnwöchigen Dreharbeiten vor der Kamera erwachsen wurde! Vielleicht bin ich ein Spätentwickler?

 

Ich hörte RAGAZZO SOLO, RAGAZZA SOLA erstmals vor sehr vielen Jahren im Radio, als ich ziellos mit dem Wagen durch die Straßen von Los Angeles fuhr.David Bowie singt auf Italienisch und versucht den Akzent zurückzuhalten! Es war die italienische Version von SPACE ODDITY. Er singt „Ground Control to Major Tom, This is Major Tom to Ground Control”.

 

Der Sciene-Fiction Song von Bowie wird zu einem italienischen Liebeslied! Der italienische Text ist von Mogol, den ich sehr bewundere. Er ist ein großer Lyriker, und die italienische Version dieses Songs scheint eigens für diese eine Szene in ICH UND DU geschrieben worden zu sein. Ich habe immer gern eine Musikszene in meinen Filmen. Wie wir von der großen amerikanischen Musical-Tradition gelernt haben, schafft Musik einen einzigartigen Moment, in dem alles möglich ist.

 

Eigentlich war ich begierig darauf, neue Techniken auszuprobieren, die sich in meiner zehnjährigen Abwesenheit entwickelt haben. Ich dachte sogar daran, ICH UND DU in 3D zu drehen. Wir haben einige Testaufnahmen in Cinecittà gemacht. Aber der ganze Prozess ist zu langsam für mich. Bei mir entwickelt sich eine Einstellung aus der anderen und führt zur nächsten ... Ich habe keine Zeit für das mühselige Herumbewegen der beiden 3D-Kameras oder den Aufwand, einfach nur die Linsen zu wechseln. Vielleicht in ein paar Jahren ... Dann dachte ich daran, den Film digital zu drehen. Aber diese unkontrollierbare Schärfe war für mich unerträglich. Ich hatte bis dahin gar nicht verstanden, wie viel nostalgischerImpressionismus im 35mm-Prozess steckt, und so habe ich mich entschlossen, mit dem guten alten Zelluloid („pellicola”) weiterzuarbeiten!

Sven Barletta